14. August 2019 |

Auf der Suche nach dem perfekten Lauf… Mit Dr. Michele Ufer

Dr. Michele Ufer ist Sportpsychologe, Ultra Trail Läufer und liebend gerne draussen unterwegs. Wir haben uns mit ihm über die Psychologie des Laufens, Glücksmomente und die mentale Vorbereitung auf Wettkämpfe unterhalten.

Mit dem Buch von Michele Ufer bereitete ich mich auf das Rennen Rüfi 900 2018 vor. Den dritten Platz verdanke ich also seiner Expertise als Psychologe und Trailrunner. Für die Gelegenheit mit Herrn Dr. Michele Ufer ein Gespräch zu führen, bin ich dankbar! Ich wünsche ihm noch viele weitere Highlights als Ultraläufer und Buchautor.

Hannes Heigenhauser Autor & Verfasser

Laufen als Experiment - Von der Theorie zur Praxis

Für Dr. Michele Ufer war das Jahr 2011 wohl ganz entscheidend für die Karriere als Extremläufer. Der Sportpsychologe wollte herausfinden, wie sich sein theoretisches Wissen bei ihm selbst auswirkt.

Was macht Flow mit Einem? Welche Rolle spielt meine Psyche wirklich beim Laufen?

Nur wenige Monate später testete er die Antwort auf diese Fragen bei einem der härtesten Rennen der Welt: Dem Ultramarathon in der Atacama-Wüste.

250 Kilometer laufen… Durch sengende Hitze und auf ungewohnten Terrain lief er durch die Wüste Südamerikas und testete sich selbst ebenso wie das gesammelte Wissen.

Im Ziel die große Sensation. Der Lauf-Neuling erreichte nicht nur das Ziel, sondern lief unter die Top Ten. Mit einem Schlag war er in der Weltspitze angekommen und hob die Bedeutung des mentalen Trainings zu neuen Höhen. Er hat auf 4 Kontinenten zum Flow beim Laufen geforscht. Die zentralen Erlebnisse und Ergebnisse gibt es in seinem Buch FLOWJÄGER nachzulesen. In diesem Buch enthalten ist ein Beitrag über die Freeride Weltmeisterin Lorraine Huber aus Lech am Arlberg.

Im Prinzip ist unser Wesen wie ein Computer: Unser Körper ist die Hardware und unser Geist die Software. Wenn die Software nicht ordentlich arbeitet, wird niemals das volle Potential der Hardware ausgeschöpft werden können.

Dr. Michele Ufer Sportpsychologe & Ultrarunner

Das optimale Verhältnis – Geist und Körper

Eines war für Dr. Michele Ufer von Beginn an klar. Ohne ein perfektes Zusammenwirken von Geist und Körper können keine Bestleistungen erbracht werden. Dabei ist es unerheblich, ob unsere Gedanken kreisen oder wir fokussiert sind. Viel entscheidender ist die Situation: In manchen Momenten – vor allem, wenn die Fußsohlen brennen, die Muskeln krampfen, oder wir nach einem Sturz Schmerzen haben – ist es durchaus sinnvoll, sich mental abzulenken und Gedanken auf positive Erlebnisse zu richten. Das gilt aber nicht für jeden Läufertypus: Sehr leistungsorientierte Läufer haben häufig sehr innenfokussierte Gedanken – Technik, Puls, Kniewinkel, Verpflegung – und schaffen es so sehr mechanisch ihr Ziel zu verfolgen.

Beide Varianten sind absolut legitim, jeder Läufer entscheidet für sich selbst, wie er am Besten in der jeweiligen Situation umgeht, um erfolgreich zu sein.

Die Umwelt darf nicht zu kurz kommen

Genuss in der Natur

Zwiespältig wird das Verhältnis erst dann, wenn wir gewisse Reize ausblenden. So gibt es Läufer, die sich selbst ohne ihre Sportuhr nicht mehr einschätzen können. Man sollte aber immer in der Lage sein, seinen eigenen Körper wahrnehmen zu können.

Wie fühle ich mich? Wie hoch ist mein Puls? Soll ich hier laufen oder schnell gehen?

Erfahrene Läufer können ihren Körper sehr gut selbst einschätzen und schaffen es, ihren Geist darauf auszurichten, das Optimum aus ihrem Körper herauszuholen. Und gleichzeitig nehmen sie auch ihren Körper in der Umwelt war, in der sie sich befinden. Sie spüren die Berge, die Luft, den Boden und die Tiere um sich herum. Das ist oft sinnvoller, als diese Reize auszublenden.

Einer meiner Kunden läuft seit kurzem ohne Uhr. Anfangs war es für ihn, wie bei einem Entzug. Er hatte Kribbeln und wollte die Uhr unbedingt wieder mitnehmen. Aber plötzlich bemerkte er, wie sein Geist sich umstellte und er viel achtsamer und ruhiger wurde.

Dr. Michele Ufer Sportpsychologe & Ultrarunner

Definition von Erfolg

Was braucht man wirklich zum Laufen? Und wie definiert man Erfolg beim Laufen? Die meisten würden letztere Frage wohl damit beantworten, dass sie sich besser fühlen möchten, gesünder sein und fitter werden wollen. Brauchen diese Läufer dann wirklich einen speziellen Trailrunning Rucksack, oder Schuhe für mehrere hundert Euro?

Wohl kaum, zum Laufen benötigt man sehr wenig. Ein paar passende Schuhe, Hose, T-Shirt und schon können wir das Laufen genießen. Alles andere ist für die meisten Läufer wohl nur Ablenkung und keinesfalls Bereicherung.

Natürlich können diese Hilfsmittel uns unterstützen. Die Abhängigkeit oder viel mehr der gewinnbringende Nutzen dieser Gerätschaften sind allerdings viel entscheidendere Fragen.

Für Dr. Michele Ufer ist der persönliche Erfolg bei seinen Ultraruns einerseits das Erreichen des Ziels. Das ist aber nur eine Ebene, die Zielebene. Primär steht der Genuss im Vordergrund. Er verbindet seine Läufe mit Reisen und nutzt die Gelegenheit, um in fremde Kulturen einzutauchen und neue Menschen kennenzulernen. Und das ist für ihn die schönere Ebene.

Jeder kann laufen lernen. Natürlich ist es für manche Läufer dennoch sinnvoll, sich erst das ärztliche Okay zu holen. Und man kann auch ohne Probleme erst einmal walken und später erst laufen. Im Prinzip gilt immer das Prinzip: Tu alles in Maßen. Und es braucht nicht viel, um loszulaufen.

Dr. Michele Ufer Sportpsychologe & Ultrarunner

Rückwärtsplanung – Ziele herunterbrechen

Wenn wir uns ein riesiges Ziel vornehmen, das ausgehend von unserer aktuellen Fitness fast unerreichbar scheint, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß unterwegs zu scheitern. Fortschritt verläuft niemals linear und irgendwann verlieren wir ein fernes Ziel außer Augen. Deshalb ist es für Dr. Michele Ufer besser, wenn wir ein großes Ziel in mehrere Etappen aufteilen. Das gilt für ein Rennen genauso, wie für das Training dafür.

Der Weiße Ring – Die Trailchallenge besteht aus 3 Anstiegen und 3 Abwärts Passagen. Das sind bereits sechs mögliche Etappen. Und diese Etappen kann man auch wieder aufteilen in weitere Unteretappen. Und plötzlich werden aus dem Großen Ziel viele kleine Zwischenziele, die nicht mehr unüberwindbar sind.

Wir stellen uns Herausforderungen, die uns im wahrsten Sinne des Wortes herausfordern. Sonst wäre es langweilig. Deshalb sollte der Fokus auch nicht darin liegen „einen Berg zu bezwingen“ oder „einen Konkurrenten auszuschalten“. Nein, die Herausforderung kommt von Innen und das nimmt uns viel Druck, da wir gemeinsam mit anderen Teilnehmern und gemeinsam mit der Natur um uns herum, etwas erleben. Und dieses Erlebnis ist für Michele Ufer etwas Schönes und er ist dankbar für jeden Augenblick des Rennens.

Ist es eine Krise, wenn wir Schmerzen bei einem Trailrun haben?
Nein, Krisen sind elementar und wir sind privilegiert, unseren Körper spüren zu dürfen. Im Vergleich zu den meisten anderen Menschen, führen wir ein extrem sorgloses Leben. Und wir sollten dann auch dankbar sein dafür und uns nicht in negativen Gedanken verlieren.

Fehlerdenken – Wie wir uns selbst sabotieren?

Natürlich klappt nicht sofort alles, was wir uns vornehmen. Egal, ob es um unseren Körper oder unseren Geist geht. Das Training ist wie unser Leben ein ständiger Lernprozess. Dies zu akzeptieren ist ein ganz wichtiger Faktor für unseren Erfolg. Aber durch Training gelingt es uns, Ziele besser zu erreichen. Deshalb ist die praktische Anwendung des theoretischen Wissens das Wichtigste. Etwas theoretisch zu wissen und etwas praktisch zu machen, sind zwei verschiedene Dinge. Man sollte sich niemals nur auf die Theorie verlassen, sondern dieses Wissen durch Praxis überprüfen.

Das Wichtigste: Die Umsetzung! Also raus und loslaufen!

Dr. Michele Ufer Sportpsychologe & Ultrarunner

Weitere Informationen

Wenn Sie mehr über Dr. Michele Ufer oder Mentaltraining erfahren möchten, hier sind einige Vorschläge für Sie:

Ich danke Dr. Michele Ufer, dass er sich die Zeit für dieses Interview genommen hat und wünsche ihm viel Erfolg bei all seinen Projekten und Läufen!

Mystische Stimmung am Berg 2018 in Lech Zuers am Arlberg (c) Hannes Heigenhauser
Hannes Heigenhauser

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